JUNKLE macht aus ausrangierten Segeln neue Textilprodukte und dokumentiert deren Herkunft mit einem digitalen Produktpass. So stärkt das Label Kreislaufwirtschaft und Kundenvertrauen.
Spinnaker sind die großen, bauchigen Segel ganz vorne an einem Segelschiff. Sie bestehen aus leichtem Tuch und wenn sie verbraucht sind, gehören sie nicht auf den Müll. Für das Modelabel JUNKLE sind sie ein wertvoller Rohstoff. Das Unternehmen wurde 2019 von Ilaria Maria Sposito gegründet und verarbeitet ausrangierte Segel, Taue und Materialreste zu Taschen, Bekleidung und Accessoires.
Aus alten Segeln entstehen neue Produkte
Am Stammsitz des Unternehmens in Palermo werden zum Beispiel ausgediente Spinnaker-Segel zur Tasche „Tidal“. Dafür hat das Unternehmen ein eigenes Sammelprogramm namens „SailForward“ gegründet, um möglichst viele ausgemusterte Segel weiternutzen zu können. Die hergestellten Produkte mit Vintage-Anmutung sind Unikate und kommen bei den Verbrauchern an. Ungleichmäßig ausgeblichene Farben und sichtbare Gebrauchsspuren sorgen dafür.
Doch bis hierher ist das nur eine schöne Story. Viele Leute sind beim Thema Nachhaltigkeit skeptisch: Kann stimmen, aber auch nicht. Es ist für einen Hersteller bisher recht schwierig gewesen, Nachhaltigkeit bei Herkunft, Herstellung und Transport korrekt darzustellen und Vertrauen bei den Kunden zu gewinnen. Doch es gibt inzwischen eine technologische Lösung dafür: den digitalen Produktpass, der unter anderem Informationen über die Nachhaltigkeit liefert.
Der Produktpass macht Herkunft nachvollziehbar
Ein Digitaler Produktpass (DPP) ist ein Datensatz, der wichtige Informationen zu einem Produkt über dessen ganzen Lebenszyklus hinweg anbietet. Dazu gehören Angaben zu Materialien, Herkunft, Herstellung, Umweltauswirkungen, Pflege, Reparatur und Entsorgung. Der Zugriff erfolgt beispielsweise über einen QR-Code am Produkt oder auf einem Etikett. In der Textilbranche soll der DPP vor allem Transparenz, Rückverfolgbarkeit und die Umsetzung künftiger regulatorischer Anforderungen unterstützen.
Jungle arbeitet für diesen Produktpass mit dem Softwareunternehmen Spherity zusammen. Die Lösung auf der Basis der VERA-Plattform des Unternehmens zeigt nach dem Scannen des QR-Codes online Produktbeschreibungen und Maße sowie Angaben zu Materialien und Komponenten, Herkunft und Herstellungsprozess. Hinzu kommen Pflegehinweise und Informationen über soziale und ökologische Auswirkungen. Auf diese Weise wird aus einer allgemeinen Nachhaltigkeitsaussage eine überprüfbare Produktgeschichte.
Früher Einstieg schafft praktische Erfahrung
Für JUNKLE erfüllt der Digitale Produktpass mehrere Aufgaben. Er strukturiert Daten, schafft Rückverfolgbarkeit und unterstützt die Kundenkommunikation. Gleichzeitig sammelt das Unternehmen praktische Erfahrungen für die Anforderungen der EU-Ökodesign-Verordnung ESPR. Textilien und Bekleidung zählen zu den priorisierten Produktgruppen. Ein entsprechender Rechtsakt mit den konkreten Anforderungen für Textilien soll 2027 veröffentlicht werden.
Die JUNKLE-Pässe bilden bereits heute zentrale Datenfelder wie Materialien, Komponenten, Herkunft, Produktion, Auswirkungen und Pflege ab. Ab dem nächsten Jahr werden dann diese und viele weitere Informationen standardisiert und überprüfbar im Produktpass zugänglich sein. Der frühe Einstieg von JUNKLE hat deshalb einen praktischen Nutzen. Das Unternehmen konnte Datenmodelle, Kennzeichnung und Abläufe erproben, bevor Druck durch die Regulation entsteht.
Die Datenbasis entscheidet über den Nutzen
An dem Beispiel lässt sich auch ablesen, dass der DPP keine Regulierung ist, die allein große Hersteller mit umfangreichen Compliance-Teams bewältigen können. Die Plattform von Spherity funktioniert auch für eine einzelne Werkstatt und kann darüber hinaus auf größere Lieferketten skalieren, wenn aus der Werkstatt ein Großunternehmen wird – in der Modebranche nicht selten.
Wichtig waren für JUNKLE klar strukturierte Produktdaten und Prozesse, die Herkunft und Verarbeitung zuverlässig erfassen. Die zentrale Lehre: Der DPP beginnt nicht mit dem QR-Code auf dem Etikett, sondern mit einer belastbaren Datenbasis entlang der gesamten Material- und Produktionskette. Dadurch reicht der Nutzen über Compliance hinaus, denn er erleichtert Einkauf, Vertrieb und Marketing.
Das JUNKLE-Beispiel zeigt, wie der Digitale Produktpass in der Textilbranche jenseits der Regulierungsdebatten praktisch funktioniert. JUNKLE verbindet Upcycling, Rückverfolgbarkeit, Produktdaten und Kundenkommunikation in einem gemeinsamen Prozess. Der Pass macht sichtbar, wie dieser Kreislauf funktioniert. Aus einem ausgedienten Segel wird so nicht nur eine Tasche. Es entsteht eine Produktgeschichte, die Kreislaufwirtschaft und Kundenvertrauen zusammenführt.
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