Neue Trainingsmodule für die textile Transformation
Das Erasmus+-Projekt Skills4Circularity entwickelt derzeit auf Basis fundierter Analyseergebnisse drei praxisorientierte Trainingsmodule zu den Themen Recyclingtechnologien, Ökodesign für die Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Produktion. Dem vorausgegangen war eine umfassende Unternehmensbefragung und Analyse der Projektpartner, die unter der Federführung des IVGT durchgeführt wurde. Die Ergebnisse zeigen: Die größten Herausforderungen liegen weniger in fehlenden Technologien als vielmehr in Kompetenzlücken.
Um diese schließen zu können, sind drei Trainingsmodule mit jeweils vier Lernkapiteln vorgesehen. Die Inhalte des ersten Moduls „Recyclingtechnologien“ wurden inzwischen erarbeitet und gemeinsam mit Industrievertretern im Praxistest geprüft. Ziel des ersten Moduls ist es, Kenntnisse zu gesetzlichen Anforderungen, Materialsortierung und der Aufbereitung von Textilabfällen zu vermitteln.
Hierauf aufbauend wurden die Inhalte des zweiten Moduls „Ökodesign für die Kreislaufwirtschaft“ entwickelt und gemeinsam mit Industrievertretern in mehreren Workshops diskutiert. Das Modul zeigt, wie sich die absehbaren regulatorischen Anforderungen bereits heute in konkrete Designentscheidungen für Textilien übersetzen lassen. Es erläutert den Einsatz der Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment, LCA) bei der Material- und Verfahrensauswahl sowie die Umsetzung der Rückverfolgbarkeit entlang der textilen Wertschöpfungskette. Zugleich verdeutlicht es, wie Produktentscheidungen die spätere Wiederverwendung, Reparatur und das Recycling von Textilien beeinflussen.
Das zweite Modul knüpft unmittelbar an das vierte Kapitel des ersten Moduls an, das die Koordination entlang der textilen Recyclingkette behandelt. Während dort die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette im Mittelpunkt steht, richtet sich der Blick nun auf die Produktentwicklung als entscheidenden Hebel für die Kreislaufwirtschaft. Geschlossene Materialkreisläufe setzen nicht nur eine enge Abstimmung von Materialinformationen, Logistik und organisatorischen Abläufen voraus, sondern auch ein frühzeitig auf die Kreislaufwirtschaft ausgerichtetes Produktdesign. Das Modul zeigt, wie bereits in der Entwicklungsphase die Voraussetzungen geschaffen werden können, damit Textilien nach ihrem Erstgebrauch möglichst hochwertig wiederverwendet, repariert oder recycelt werden können.
Von Ökodesign-Vorgaben zu konkreten Designanforderungen für Textilien
Ökodesign entwickelt sich zunehmend zu einer verbindlichen regulatorischen Anforderung. Unternehmen können sich bereits heute auf die wesentlichen absehbaren regulatorischen Anforderungen einstellen und diese in ihre Produktentwicklung einbeziehen. Den politischen und regulatorischen Rahmen bilden die UN-Agenda 2030, der European Green Deal, der Circular Economy Action Plan, die EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien sowie die daraus abgeleiteten Rechtsinstrumente Abfallrahmenrichtlinie, REACH und die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR). Mit der Erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) rückt zudem die Verantwortung der Unternehmen für das Lebensende ihrer Produkte stärker in den Fokus.
Konkrete Grenzwerte und produktspezifische Vorgaben für Textilien stehen zwar noch aus, die künftigen Anforderungen zeichnen sich jedoch bereits heute deutlich ab. Hierzu gehören unter anderem die Haltbarkeit und Zuverlässigkeit, Reparierbarkeit und Wiederverwendbarkeit, Recyclingfähigkeit und materialgerechtes Design, die Vermeidung besorgniserregender Stoffe sowie Rückverfolgbarkeit und transparente Produktinformationen, unter anderem über den Digital Product Passport (DPP). Ein Großteil der Umweltauswirkungen eines Produkts wird bereits in der Designphase festgelegt. Entscheidungen über Materialien, Konstruktion und Herstellungsverfahren sollten deshalb den gesamten Lebenszyklus berücksichtigen – von der Rohstoffauswahl über Herstellung und Nutzung bis zur Wiederverwendung, Reparatur und zum Recycling.
Die Lebenszyklusanalyse als Entscheidungsgrundlage
Die Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment, LCA) bildet die methodische Grundlage der Ökobilanz und dient der Bewertung der Umweltwirkungen von Textilien. Sie untersucht die potenziellen Umweltwirkungen eines Produkts über seinen gesamten oder einen definierten Lebenszyklus. Voraussetzung für belastbare Ergebnisse ist eine eindeutige Festlegung des Untersuchungsrahmens (Systemgrenzen), beispielsweise vom Rohstoff bis zum Lebensende eines Produkts oder für einzelne Prozessschritte. Die nach EN ISO 14040/14044 standardisierte Methode umfasst die Festlegung von Ziel und Untersuchungsrahmen, die Erstellung der Sachbilanz, die Bewertung der Umweltwirkungen sowie die Interpretation der Ergebnisse.
Die Lebenszyklusanalyse basiert auf zwei zentralen Arbeitsschritten: dem Lebenszyklusinventar (Life Cycle Inventory, LCI) und der Wirkungsabschätzung (Life Cycle Impact Assessment, LCIA). Im LCI werden sämtliche Stoff- und Energieströme – etwa Rohstoffe, Energieeinsatz, Emissionen und Abfälle – systematisch erfasst und den einzelnen Prozessschritten zugeordnet. Im LCIA werden diese Daten verschiedenen Umweltwirkungskategorien wie Klimawandel, Wasserverbrauch, Ressourcenverbrauch oder Toxizität zugeordnet und bewertet. Erst das Zusammenspiel beider Schritte ermöglicht eine fundierte Bewertung der Umweltwirkungen und schafft die Grundlage für fundierte Entscheidungen bei der Materialauswahl, Produktentwicklung und Gestaltung von Produktionsprozessen.
Die Ergebnisse einer Lebenszyklusanalyse zeigen, dass Umweltwirkungen entlang der gesamten textilen Wertschöpfungskette entstehen – von der Faserproduktion über das Spinnen, Weben beziehungsweise Stricken, die Veredlung, Konfektion und den Transport bis hin zur Nutzung und zum Lebensende. Einzelne Prozessschritte dürfen deshalb nicht isoliert bewertet werden, sondern müssen im Zusammenhang des gesamten Produktlebenszyklus betrachtet werden, um die wesentlichen Umweltauswirkungen und ihre Ursachen zuverlässig zu identifizieren.
Die Umweltwirkungen unterscheiden sich je nach Faser und Produktionsschritt. Während bei synthetischen Fasern vor allem Energieeinsatz, fossile Rohstoffe und Emissionen im Vordergrund stehen, spielen bei pflanzlichen Naturfasern insbesondere Wasserverbrauch, Flächennutzung sowie Dünge- und Pflanzenschutzmittel eine wichtige Rolle. Auch die nachfolgenden Verarbeitungsschritte beeinflussen die Umweltwirkungen eines Textilprodukts maßgeblich. Am Lebensende eines Textilprodukts kommen verschiedene End-of-Life-Optionen in Betracht – darunter Wiederverwendung, mechanisches oder chemisches Recycling, Verbrennung oder Deponierung –, die sich hinsichtlich ihrer Umweltwirkungen deutlich unterscheiden. Diese Unterschiede sollten bereits in der Produktentwicklung berücksichtigt werden, um die spätere Wiederverwendung und das Recycling bestmöglich zu unterstützen.
Rückverfolgbarkeit entlang der textilen Wertschöpfungskette
Die Rückverfolgbarkeit (Traceability) ist eine zentrale Voraussetzung für die Kreislauffähigkeit von Textilien. Sie unterstützt die Erfüllung regulatorischer Anforderungen, schafft Transparenz entlang der gesamten textilen Wertschöpfungskette und ermöglicht es, Materialien und Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg nachzuverfolgen. Gleichzeitig schafft sie die Datengrundlage, um Umweltwirkungen und Nachhaltigkeitsaussagen belastbar zu belegen. Angesichts komplexer globaler Lieferketten stellt ihre Umsetzung Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen. Zugleich entwickelt sie sich zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor und zu einer grundlegenden Voraussetzung für eine kreislauforientierte Textilwirtschaft.
Die Rückverfolgbarkeit lässt sich dabei nicht auf einzelne Produktionsschritte beschränken. Vielmehr muss sie als durchgängiges Informationssystem über den gesamten Produktlebenszyklus aufgebaut werden – von der Rohstoffgewinnung über Herstellung und Nutzung bis zur Wiederverwendung, Reparatur und dem Recycling. Voraussetzung dafür sind einheitliche Standards, verlässliche Daten und digitale Werkzeuge wie QR-Codes, RFID, Blockchain oder der Digitale Produktpass (DPP), die den Austausch und die Bereitstellung von Informationen unterstützen. Die Voraussetzungen dafür werden bereits in der Produktentwicklung geschaffen. Dazu gehören eine recyclinggerechte Materialauswahl, eine eindeutige Materialkennzeichnung, die Auswahl rückverfolgbarer Lieferanten sowie die frühzeitige Berücksichtigung regulatorischer Anforderungen.
End-of-Life-Denken – die Grundlage kreislauffähiger Textilien
Der Wandel von einer linearen zu einer kreislauforientierten Produktentwicklung setzt voraus, dass Wiederverwendung, Reparatur und Recycling eines Textilprodukts bereits in der Designphase mitgedacht werden. Dieses sogenannte End-of-Life-Denken entwickelt sich damit zu einem neuen Leitprinzip des Produktdesigns.
Kreislauffähige Textilien erfordern einen ganzheitlichen Entwicklungsansatz: Materialauswahl, Konstruktion und Produktgestaltung müssen nicht nur funktionale Anforderungen erfüllen, sondern eine lange Nutzungsdauer gewährleisten und die spätere Wiederverwendung, Reparatur oder Rückgewinnung der Materialien ermöglichen. Unternehmen müssen künftig die Zielkonflikte zwischen Funktionalität, Sicherheit, Kosten und Kreislauffähigkeit bewältigen. Dabei können Materialmischungen, Beschichtungen oder komplexe Konstruktionen die gewünschte Kreislauffähigkeit erheblich erschweren.
Kreislaufwirtschaft beginnt nicht erst beim Recycling, sondern bereits in der Produktentwicklung. Dem Produktdesign und der Lebenszyklusanalyse kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie schaffen die Grundlage dafür, Umweltwirkungen frühzeitig zu bewerten, Zielkonflikte transparent zu machen und Textilien so zu entwickeln, dass sie möglichst lange genutzt und anschließend hochwertig wiederverwendet oder recycelt werden können.
Drei Module für die textile Kreislaufwirtschaft
Nachdem das erste Trainingsmodul die regulatorischen Grundlagen der Kreislaufwirtschaft sowie moderne Sammel-, Sortier- und Recyclingtechnologien behandelt hat, widmet sich das zweite Modul den Anforderungen an ein kreislauffähiges Produktdesign. Im Mittelpunkt stehen die Umsetzung regulatorischer Vorgaben, der Einsatz der Ökobilanz (Life Cycle Assessment, LCA) zur Auswahl geeigneter Textilmaterialien und -verfahren, die Rückverfolgbarkeit entlang der textilen Wertschöpfungskette sowie die Berücksichtigung des späteren Produktlebensendes bereits während der Produktentwicklung. Das dritte Modul, dessen Erarbeitung im Herbst 2026 beginnt, wird sich mit der nachhaltigen Produktion befassen und die Trainingsreihe um ressourceneffiziente Produktionsprozesse und deren praktische Umsetzung in Unternehmen ergänzen.
Interessierte können sich für die kostenlose Teilnahme an den vier Workshops des Moduls 3 „Nachhaltige Produktion (Sustainable Manufacturing)“ unter folgendem Link anmelden: https://www.ivgt.de/s4cm3
Modul 1: Recyclingtechnologien vermittelt die Grundlagen der Kreislaufwirtschaft – von den regulatorischen Anforderungen über Sammlung und Sortierung bis zu mechanischen, chemischen und thermischen Recyclingverfahren.
Modul 2: Ökodesign für die Kreislaufwirtschaft zeigt, wie kreislauffähige Textilien bereits in der Produktentwicklung entstehen – durch Ökodesign, den Einsatz der Ökobilanz (LCA), Rückverfolgbarkeit und End-of-Life-Denken.
Modul 3: Nachhaltige Produktion (Sustainable Manufacturing) behandelt ressourceneffiziente Produktionsprozesse sowie Strategien zur Verringerung von Umweltwirkungen entlang der textilen Wertschöpfungskette.
Recycling, Rückverfolgbarkeit, Ökodesign und Digitalisierung zählen zu den zentralen Zukunftsthemen der europäischen Textilindustrie. Welche Kompetenzen dafür benötigt werden, untersucht das Erasmus+-Projekt Skills4Circularity mit 21 Partnern aus zwölf Ländern. Der Industrieverband Veredlung – Garne – Gewebe – Technische Textilien e. V. (IVGT) bringt als deutscher Branchenpartner die Perspektive der Industrie in das Projekt ein.
Bild: Ökodesign für die Kreislaufwirtschaft, KI-generiert, IVGT
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