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Chris Nicolaes, Geschäftsführer Lectra Deutschland
Mehr als nur besser – Digitalisierung im Mittelstand
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Der Umstieg zur Industrie 4.0 ist in voller Fahrt. Unternehmen aus allen Bereichen investieren in moderne Technologien, digitalisieren ihre Geschäftsmodelle um wettbewerbsfähig zu bleiben und öffnen dadurch neue Märkte – so die Idee. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus.

Digitalisierung und Industrie 4.0 gelten nicht nur als wesentliche Voraussetzungen für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft von Unternehmen, sie lassen auch auf wieder steigende Produktivitätsraten hoffen. Diese sind seit Jahren in vielen Industrieländern rückläufig. Bis 2025 soll Industrie 4.0 der deutschen Wirtschaft einen Produktivitätsschub von bis zu zwölf Prozent bringen. Das geht aus einer Studie der Research-Abteilung der DZ Bank hervor. Vor allem große Unternehmen nehmen viel Geld in die Hand und strukturieren ganze Sparten um. So eröffnet Audi eine voll digitalisierte Smart Factory und baut dort den aktuellen Sportwagen R8.

Der Mittelstand geht kleine Schritte
Auch der Mittelstand investiert und profitiert vom digitalen Wandel. Gut 80 Prozent der Mittelständler haben zwischen 2013 bis 2015 Digitalisierungsprojekte umgesetzt, ergab ein Forschungsprojekt des ZEW im Auftrag der KfW Bankengruppe (Kreditanstalt für Wiederaufbau). Dennoch hat der Mittelstand erheblichen Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Lediglich jeder fünfte Mittelständler zählt zu den digitalen Vorreitern, so eine Studie des Marktforschungsinstituts IDC im Auftrag von SAP, die den Fortschritt der digitalen Transformation bei mittelständischen Unternehmen untersucht hat. Die Mehrzahl der Unternehmen investiert zurückhaltend mit überschaubaren Summen, etwa in Software-Lösungen, die die Zusammenarbeit erleichtern, und Anwendungen zur Ressourcenplanung sowie Cloud-Systeme. So hemmt etwa die mangelnde IT-Kompetenzen der Belegschaft die Digitalisierung. Datensicherheit und Datenschutz sind weitere Sorgen. Auch eine geringe Internet-Geschwindigkeit hält Unternehmen von größeren Investitionen ab.

Textile Vorreiter mit smarten Zuschnitt
Der nächste Schritt ist für Mittelständler, auch die Prozesse direkt in der Fertigung zu digitalisieren. Im schwäbischen Ertingen produziert Erpo seit 1952 Premium-Polstermöbel – größtenteils in Handarbeit. Nun investierte der Mittelständler in eine digitale Lederzuschnitt-Lösung von Lectra. Die smarte Maschine optimiert automatisch die Nutzung der Leder-Häute für Sofas und übernimmt millimetergenau den Zuschnitt. Erpo spart dadurch über fünf Prozent des Materials bei gleichbleibender Qualität – ein großer Kostenvorteil bei den aktuellen Lederpreisen im Premium-Segment. Zudem ermöglicht die Zuschnittlösung vorausschauende Wartung, die eine Betriebsbereitschaft von über 90 Prozent garantiert. Durch die optimale Einbindung in den gesamten Produktionsprozess erwartet Erpo, dass sich die Investition bereits nach weniger als 16 Monaten amortisiert hat.

Auch der belgische Mittelständler und Automobilzulieferer ECA investierte in das smarte Zuschnittsystem und stellte seine Produktion von Handarbeit auf digitale Prozesse um. „Bei der Verwendung von Stanzen wurden 60 Prozent der Häute genutzt“, sagt Lode Garmyn, Business Manager bei ECA. „Heute hat sich die Lederausnutzung auf 70 bis 80 Prozent erhöht. Darüber hinaus ermöglicht das Zuschnittsystem eine Steigerung der Produktionsleistung bei gleich bleibendem Personaleinsatz. ECA wechselt zunehmend von arbeitsintensiven zu technologieintensiven Verfahren.“

Neue Geschäftsmodelle in digital

Industrie 4.0 wird aber nicht nur Geschäftsprozesse effizienter machen, sondern ganze Geschäftsmodelle verändern. Die größten Investitionen in Industrie 4.0 werden derzeit nicht in Europa getätigt, sondern in Asien. In China treibt die Regierung mit der Initiative „Made in China 2025“ den Wandel voran. Das Ziel: China soll der Vorreiter für eine intelligente digitale Industrieproduktion mit hoher Wertschöpfung werden. Die Shandong Ruyi-Gruppe, einer der weltweit führenden Textil- und Bekleidungskonzerne, investierte 2017 in eine vollkommen digitale Produktentwicklung und Industrie-4.0 in der Fertigung. Die flexible und schnelle Produktion ermöglicht dem Modehersteller ein neues Geschäftsmodel: kundenindividuelle Anzüge in Massenproduktion. Und das zu günstigen Preisen.

Beim Wandel zur Industrie 4.0 werden diejenigen Unternehmen erfolgreich sein, die in ein agiles Geschäftsmodell investieren, ermöglicht durch intelligente Technologien. Viele mittelständische Branchen haben hier Nachholbedarf. Doch ein später Umstieg kann auch von Vorteil sein. „In der handwerklich geprägten Textilindustrie besteht noch enormes Potenzial, einerseits für Automatisierung und Digitalisierung, andererseits um die Abläufe und Datenströme miteinander zu verknüpfen. Der Nachholbedarf kann aber zu einem großen Vorteil werden. Er bietet die Chance, jetzt vieles von Anfang an richtig zu machen und das Beste von heute und morgen zu verbinden“, sagt Chris Nicolaes, Geschäftsführer Lectra Deutschland.
Creora
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